Wasser und Fels I

Zu den Sonntagsausflügen unserer Familie gehörten Spaziergänge am Rheinfall. Die beiden Felsen in der Mitte faszinierten mich. Sie halten der Wucht des Wassers stand wie Trutzburgen. Die tobenden Wasser können sie nicht verrücken. Irgendwann stand in der Zeitung, dass sie durch das Wasser abbröckeln und deshalb mit Beton verstärkt werden müssen. Es würde sonst für die Menschen zu gefährlich, auf den grösseren Felsen zu steigen. Im Winter konnten wir dann die Baustelle bestaunen. Die Ingenieure der 80er Jahre wollten sicherstellen, dass der Fels ein für Menschen sicherer Boden bleibt.
Im Prinzip hat Gott am zweiten Schöpfungstag nichts anderes gemacht als die zerstörerische Macht des Wassers so einzudämmen, damit die Menschen auf dem festen Land sicher stehen können.
Übrigens: Auch mit diesem menschlichen Hilfsgerüst bleibt der Rheinfall ein kleines Wunder, in dem sich Wasser und Fels zu einem gemeinsamen Ganzen vereinen.

Licht und Dunkel gesellschaftlich

Arbeiten rund um die Uhr

Im Dorf meiner Kindheit gingen um 23.45 die Lichter der Strassenlampen aus. Dann war es dunkel bis die ersten Bauern anfingen das Vieh zu füttern und auch die Strassenbeleuchtung wieder eingeschaltet wurde. Unterdessen lebe ich schon über dreissig Jahre in unterschiedlichen Städten. Hier gibt es keine durch gelöschte Strassenlampen angezeigte Nachtruhe. Das Licht ist immer da, die Stadt immer in Bewegung, der Lärm nie ganz weg. Ohne das Dorf zu romantisieren – manchmal sehne ich mich nach der Dunkelheit und der Stille.
Gott gesellt am ersten Schöpfungstag zur Dunkelheit das Licht – heute ist es umgekehrt das Licht, das durch die Dunkelheit ergänzt werden muss. Die Technik und die Gesellschaft haben in einer grandiosen Kooperation einen Weg gefunden, die Dunkelheit auszutricksen. Das Licht ist allgegenwärtig. Das wirkt sich auf unser ganzes Leben aus.
Die Ladenöffnungszeiten werden immer länger und die Arbeitszeiten immer unregelmässiger. Der Computer ermöglicht vielen Arbeitenden, auch in der Nacht noch für den Betrieb da zu sein. Was früher mal als „Schichtarbeit“ eher mit niedrigen Einkommen assoziiert wurde, hat längst unter der Hand fast alle Bereiche der Arbeitswelt erfasst. Zurückdrehen lässt sich diese Entwicklung nicht. Aber, so verstehe ich den Schöpfungsbericht, die Gesellschaft soll verhindern, dass diese Entwicklung sich verselbständigt und zur absoluten Norm gesetzt wird.

Mummenschanz

Kennen Sie das Spiel mit Licht reflektierendem und absorbierendem Material der Theatergruppe Mummenschanz? Wenn Sie sich nicht die Zeit für das ganze zwölfminütige Video nehmen können oder wollen: beginnen Sie mit einer besonderen Liebesgeschichte ab 7:34. Lassen Sie sich anregen, über Licht und Dunkel nachzudenken, über das, was vor unseren Augen scheinbar verschwindet. Und wie weit her ist es dann mit der Überzeugung, nur das glauben zu wollen, was mit eigenen Augen zu sehen ist?

Ur-Licht

Johannes 1

1 Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.
2 Dieser war im Anfang bei Gott.
3 Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn ist auch nicht eines geworden, das geworden ist.
4 In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Das erste Schöpfungswerk in Genesis 1 ist das Licht. Die Finsternis gab es schon vor aller Schöpfung auf der Erde. Das wirklich Neue ist das Licht, das die Welt zusammen mit der Dunkelheit zu einem belebbaren Raum macht.
Das Johannesevangelium nimmt diese Schöpfungserzählung auf und beantwortet die nicht explizit gestellte Frage, woher denn das lebensspendende Licht komme. Die Antwort ist: Aus Gott. Es war schon immer da, weil es Gottes Wesen ist. Und aus diesem lebendigen, lichtvollen Wesen Gottes heraus wurde unsere Welt zu einem Ort für Menschen, Tiere und Pflanzen.
Deshalb ist jeder Mensch, der zur Welt kommt, erleuchtet (Joh 1,9), von Gottes Leben und Wesen durchdrungen, unabhängig davon, ob er es selbst weiss oder nicht.
Das Johannesevangelium geht davon aus, dass es für den Menschen ein grosser Gewinn ist, sich dieses göttlichen Ursprungs bewusst zu werden. Es tut dies ohne moralischen Zeigefinger, sondern eher mit einem gewissen Erstaunen darüber, dass das Leben dadurch um eine unverbrüchliche Beziehung bereichert wird. Und tragfähige Beziehungen tun ja bekanntlich gut. Diese unzerstörbare Beziehung bedeutet eine Form von Macht, die aus der Würde genährt ist, die Gott durch diese Beziehung jedem Menschen gibt, gratis, sola gratia. Es sind grosse Worte, die verlocken wollen, den Alltag so zu leben, als sei es Gott selbst, der in meinen Schuhen steckt.

 

Dunkles Dorf

Gespenstisch dunkel war es rund um den erleuchteten Bahnhof herum, als ich im Herbst 2017 an einem frühen Abend bei Nieselregen in einer kleinen Tösstaler Landgemeinde aus dem Zug stieg. Ich kannte das Dorf nicht, hatte mir nur grob den Weg angesehen. Nach allen Seiten breitete sich Nachtschwärze aus, obwohl es noch gar nicht spät war. Keine Strassenlaternen, keine beleuchteten Wohnräume, Mond und Sterne hinter Wolken versteckt … für mich ein sehr verwirrendes Ankommen in einer fremden Umgebung.
Die wenigen Menschen, die mit mir ausgestiegen waren, hasteten zu den P&R-Parkplätzen. Ich konnte im letzten Augenblick einen jungen Mann wenigstens fragen, in welcher Richtung denn nun das Dorf mit seiner Kirche liege. Gemäss seinen Angaben tastete ich mich über den Parkplatz, die Umfahrungsstrasse, durch ein Wohnquartier. Ein Stromausfall im ganzen Dorf? Wie würde ich meine Veranstaltung in einer dunklen Kirche halten können? Lief ich überhaupt richtig auf die Kirche zu? Dass ich nachtblind bin, verstärkte meine Irritation noch. Auch, dass ich keiner Menschenseele begegnete, war für mich Grossstädterin ungewöhnlich.
Doch ohne mich zu verlaufen fand ich die Kirche, die innen warm erleuchtet war; der Kollege war schon dabei, den Raum für unseren Anlass einzurichten und begrüsste mich mit dem floskelhaften „Hast du gut hierher gefunden?“
Ich erzählte – stolz, mich im Dunkeln zurechtgefunden zu haben – von meinem Erlebnis und er brach in ein herzliches Lachen aus: „Ach so, natürlich! Für den Räbeliechtli-Umzug war alles Licht im Dorf gelöscht worden.“

Dunkel und Licht trennen …

… nach Gottes Vorbild selbstgemacht mit einem einfachen Windlicht

  1. Es ist nur wenig Material nötig:
    Ein Karton als Unterlage; ein schwarzes A4-Bastelblatt (120gr); ein weicher Bleistift zum Vorzeichnen; eine dicke Wollnadel; eine Rechaudkerze/Teelicht
  2. Das Blatt wird der Länge nach halbiert, die Falzkante liegt oben, die offene Seite unten.
  3. Nun wird das Motiv aufgezeichnet. Dabei sollten auf jeder Schmalseite ca 2cm ausgespart werden. Einfache Motive eignen sich besonders gut: Bäume, Kreise, Sterne, Herzen, Wellen, Berglandschaften, abstrakte oder geometrische Figuren… Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!Die Linien sollten klar von einander unterscheidbar bleiben.
  4. Mit der Wollnadel werden nun Löcher den vorgezeichneten Linien entlang durch beide Papierhälften getrieben: Kleine Löcher entstehen, wenn direkt auf die Unterlage gestochen wird.Grössere Löcher entstehen, wenn das Papier leicht angehoben wird, und die Nadel tiefer in das Papier gebohrt wird.
  5. Schön wird die Ansicht, wenn die Abstände zwischen den Löchern möglichst gleichmässig sind. Natürlich lässt sich auch bewusst mit dem Abstand der Löcher spielen: wo die Löcher enger zusammenliegen entsteht ein anderer Effekt, als wenn sie weit entfernt sind. Die vorgezeichneten Linien lassen sich beim „Stüpfeln“ noch korrigieren, ergänzen und zu grosse schwarze Flächen können aufgelockert werden.
  6. Nun wird das Papier an der gefalzten Seite vorsichtig rund gebogen, bis sich die beiden kurzen Seiten leicht in einander schieben lassen. Sie werden ca 2 cm in einander geschoben.  So entsteht ein Zylinder, der ohne jeden Leim sicher steht. Wer möchte, kann selbstverständlich die eingesteckte Fläche mit Klebstoff zusätzlich sichern. Zum Verschicken oder Aufbewahren ist es allerdings bequemer, auf Kleber zu verzichten.
  7. Nun wird ein Rechaudkerzli angezündet, das von innen strahlt und nach aussen leuchtende Ornamente ins Dunkel zaubert: Licht und Dunkel sind von einander getrennt und doch durchdringt das Licht die Finsternis.

Ur-Teilen

Genesis 1

1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
2 Und die Erde war wüst und öde, und Finsternis lag auf der Urflut, und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser.
3 Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht.
4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.
5 Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag

Das Schöpfungsgeschehen am ersten Schöpfungstag besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen: Gott schafft souverän Licht und trennt zwischen Licht und Dunkelheit.

Schöpfung besteht also nicht nur aus neu Schaffen, sondern auch aus Trennen und Aufteilen der Welt zwischen den Elementen. Ordnung entsteht, indem nach dem göttlichen Ur-Teil Grenzen gesetzt werden. Dunkelheit und Licht wären je zerstörerisch, würden sie nicht begrenzt werden und keins von beiden bietet absolut gesetzt eine Grundlage für Leben. Als getrennte Elemente ergänzen sich Dunkelheit und Licht zu einem Ganzen: Die Finsternis bekommt den Namen Nacht und das Licht den Namen Tag und beide zusammen sind wiederum ein vollständiger Tag, also ein Ganzes. Auch die Aufteilung ist nicht absolut. Es gibt Übergänge und die Möglichkeiten der Durchmischung: Die Dämmerung gestaltet den Übergang zwischen den Tag und Nacht. In der Dunkelheit brennt ein Licht hell und im grellen Tageslicht kann ein dunkler kühler Raum zu einem erholsamen Rückzugsort werden.

Das Ur-Teilen schafft erst einen Lebensraum, wenn sich zum Trennen das gegenseitige Ergänzen, Umtanzen, Ineinander und Miteinander gesellen. Dieses Modell wird auch alle weiteren Schöpfungstage prägen.

Willkommen zu SiebenWochen Schöpfung

Jedes Jahr nehmen wir uns sieben Wochen lang Zeit, ein Thema zu umkreisen, uns auf vielfältige Weise inspirieren zu lassen und jeden Tag mit einem kleinen Impuls „dranzubleiben“. Wir freuen uns, wenn wir Sie auf unser Unterwegssein mitnehmen dürfen – auch im Bewusstsein, dass keins der grossen Lebensthemen jemals ausgelotet werden kann. Unsere Impulse sind eher assoziativ als strukturiert, laden zum Nachsinnen ein und orientieren sich lose an den sieben Schöpfungstagen, wie sie im ersten Kapitel der Bibel beschrieben werden. Wer sich konkret mit Umweltthemen auseinandersetzen möchte, sei herzlich eingeladen, sich mit der Schöpfungszeit der oeku, Kirche und Umwelt zu befassen. Wohin uns die täglichen Impulse schliesslich führen werden: lassen wir uns überraschen!
Neugierig grüsst Sie das Fokus-Theologie-Team
Regula Tanner, Angela Wäffler-Boveland, Doris Ring

Bibelstellen zitieren wir, falls nicht anders vermerkt, aus der Zürcher Bibel 2007 mit freundlicher Genehmigung des Verlages: © 2007 Zürcher Bibel/Theologischer Verlag Zürich