Emanzipation

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ (I.Kant) Der Mensch brauche keine Anleitung, keine Begleitung, um sich seines Verstandes zu bedienen.

Kant hatte dabei offenbar gut gebildete Erwachsene vor Augen, die im Gebrauch des eigenen Verstandes hinreichend ausgebildet worden sind, die also fähig sind, sich ihres Verstandes angemessen zu bedienen. Dazu gehört, unterschiedliche Argumente gegeneinander abzuwägen, sich eine eigene Meinung bilden zu können und sich darüber bewusst zu sein, dass sowohl die Wahrnehmung als auch die Beurteilung bestimmter Umstände, Fakten und Beobachtungen immer subjektiv geprägt und entsprechend konstruiert sind.
Die Fähigkeit bewusst zu wählen, welche Teile der eigenen Biographie in einen Lebenslauf gehören, welche an ein Klassentreffen und welche den Enkelkindern erzählt werden, ist eine Gabe, die mühsam erlernt werden muss. Die Entwicklung dieser Fähigkeit hat viel mit Mündigkeit zu tun. Doch sie gelingt nicht immer gleich gut.
Und nicht nur der Blick auf die eigene Vergangenheit ist subjektiv konstruiert. Auch die Vorstellungen für die eigene Zukunft sind — hoffentlich — nicht starr und absolut, sondern enthalten in sich das Potential der Veränderung.
Für diese Möglichkeit zum Umdenken ist Gott selbst das vielleicht beste Vorbild:
Angesichts der Zerstörung durch die Sintflut verspricht Gott sich selbst, „nie wieder“ (Gen 8,21f) solch ein Unheil heraufzubeschwören. Mit Abraham feilscht er um den Untergang von Sodom (Gen 18,23ff), Jona nimmt Gott übel, dass er seine Meinung und sein Tun überdenken kann (Jona 4)… es gibt in der Bibel viele weitere Beispiele dafür, dass Gott auf den Menschen hört.
Wer mit Gott streiten kann, wer Gott zum Umdenken bewegen kann, ist für Gott ein ernstzunehmendes Gegenüber und gewiss kein Spielball irgendwelcher Abhängigkeiten.
Und zugleich gibt es da eine verbindliche Beziehung, die überhaupt erst die Möglichkeit zur Freiheit schafft: „Fürchte dich nicht, denn ich befreie dich, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.“ (Jes 43,1)
Diese Freiheit, diese Befreiung von Lebensängsten, muss sich niemand verdienen, erarbeiten oder erkämpfen. Sie ist die Zusage Gottes, dass menschliche Emanzipation im Sinne von Freiheit zu eigenständigem Denken und Handeln von Gott her erwünscht ist. Und diese Zusage gilt jeder Person, wie abhängig, unmündig, dement, eingeschränkt sie auch sein mag.

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