Schabbat und Sonntag in der Reformation

Seit Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert den Sonntag zum christlichen Feiertag erklärte, wird in den Kirchen darüber nachgedacht, wie dieser Tag zu feiern ist. Das Wissen darum, dass die Schabbatgebote zum siebten und nicht zum ersten Tag der Woche gehören, ging dabei nie verloren. Die Diskussionen in der frühen Kirche rund um die Sonntagsruhe sind daher von einem Pragmatismus geprägt, der meist auf die Ermöglichung des Gottesdienstbesuchs für alle Gemeindeglieder ausgerichtet war. In der Reformationszeit wird diese Diskussion nochmals aufgerollt, weil einerseits das «Zurück zu den Quellen» die Schabbatgebote wieder ins Bewusstsein hob, andererseits die historisch gewachsene Sonntagsruhe als gesellschaftliche Übereinkunft nicht einfach umgestürzt werden konnte. Interessant ist, dass die Wittenberger, Genfer und Zürcher Reformatoren je zu unterschiedlichen Stellungsnahmen kamen:
Nach Martin Luther (1529, „Deutsch Katechismus“, heute „Grosser Katechismus“) gilt das Sabbatgebot allein den Juden, „dass sie sollten von groben Werken still stehen und ruhen“. Die Christen sind frei von festgelegten Zeiten, Feiertage sind allerdings nötig für den „gemeinen Haufen, Knechte und Mägde, so die ganze Woche ihrer Arbeit und ihres Gewerbes gewartet, dass sie sich auch einen Tag einziehen zu ruhen und zu erquicken“. Weil dieser Ruhetag von alters her der Sonntag ist, soll es dabei bleiben, damit „niemand durch unnötige Neuerung eine Unordnung mache“.
Calvin löst faktisch sowohl Sabbat wie den Sonntag auf. Für ihn zählt nur, dass die Zusammenkunft möglich ist und Ordnung herrscht: „Die Alten haben den Herrntag, wie wir ihn nennen, mit voller Absicht an die Stelle des Sabbats gesetzt. Denn die wahre Ruhe, die der alte Sabbat vorbildet, ist ja in der Auferstehung des Herrn zum Ziel und zur Erfüllung gelangt; […] Übrigens ist mir die Siebenzahl nicht so wichtig, dass ich die Kirche zwingen würde, sie anzuwenden; ich will auch keine Gemeinde verdammen, die zu ihren Zusammenkünften andere Tage wählt, wenn es nur ohne Aberglauben geschieht. Den vermeidet man am besten, wenn man die Feiertage ausschliesslich der Aufrechterhaltung von Zucht und rechter Ordnung dienen lässt.“ (Institutio II, 8, 34)
Ähnlich argumentiert das 1566 veröffentlichte und für die ganze Schweiz gültige zweite Helvetische Bekenntnis:
«XXIV. KAPITEL: DIE FEIERTAGE, DAS FASTEN UND DIE AUSWAHL DER SPEISEN:
Obwohl die Religion an keine Zeit gebunden ist, so kann sie doch nicht ohne rechte Einteilung oder Ordnung der Zeit gepflanzt und geübt werden. Deshalb wählte jede Gemeinde für sich eine bestimmte Zeit zum öffentlichen Gebet, zur Predigt des Evangeliums und zur Feier der Sakramente. Es ist aber nicht jedem erlaubt, nach Belieben diese Ordnung der Gemeinde umzustürzen. Und wenn keine rechte Muße zur Ausübung der äußeren Glaubenspflichten eingeräumt wird, lassen sich die Menschen bestimmt durch ihre Geschäfte davon abziehen.“ Heinrich Bullinger Das Zweite Helvetische Bekenntnis KapXXIV
Heutige Diskussionen zur Sonntagsruhe kommen ohne den Rückbezug auf die Bibel oder auf die Bedürfnisse von Kirchgemeinden aus. Im Vordergrund steht die Frage, ob sich unsere Gesellschaft noch darüber einig ist, dass es sinnvoll ist, nach sechs Tagen einen Tag zu haben, an dem die Geschäftigkeit abnimmt. Dabei stehen sich bis heute die schon in der Reformation formulierte Freiheit zur Ruhe, die eine regelnde Ordnung  braucht, und die Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will, als Gegensätze gegenüber.

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