Gottes Wege

Eine Diskussion wurde während meiner Studienzeit immer wieder geführt: ob sich irgendjemand in der Runde wohl vorstellen könnte, dass Kriegsverbrecher, für Genozide und Folter Verantwortliche, wohl auch in den Himmel kämen?

Fast immer zogen wir uns mit dem Aufseufzer aus der Affäre, froh darüber zu sein, diese Entscheidung Gott zu überlassen.  

Kurt Marti veröffentlichte in seinem Gedichtband „Ungrund Liebe. Klagen. Wünsche. Lieder“ das Gedicht „So ist das“  

Denen wir lieber

aus dem Weg gehen 

sind dein Weg.

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An welche Menschen denken Sie dabei zuerst?

Welchen Lebenshaltungen möchten Sie sich am liebsten entziehen?

Und: was würde es bedeuten, wenn Kurt Marti Recht hätte?

Die Schöne von Renancourt

In Renancourt bei Amiens ist 2019 ein spektakulärer Fund gemacht worden: in den Überresten eines Jagdlagers wurde erneut eine ca 23‘000 Jahre alte weibliche Figurine gefunden. Nur 4cm gross ist die Kalksteinfigur und von immenser Bedeutung: schon vor 23‘000 Jahren haben Menschen sich ein Bild gemacht – ob von ihrem eigenen Schönheits-Ideal, von einer Fürstin oder einer Gottheit, lässt sich heute nicht sagen. Auf jeden Fall ist sie ein Gegenstand, der die Geschichte der Menschwerdung erzählt.

Gesicht und Profil

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Der Zuhälter

Dass man einen Bibeltext auch ganz anders lesen kann, als theologische gebildete Kursleitende es tun, führen Teilnehmende immer wieder vor Augen. Sie unterscheiden nicht zwischen der Stimme des Propheten, der Gottes Wort vermittelt, und Gott selbst. Sie haben – geprägt von TV und Social Media – völlig andere Assoziationen zu einem Text als Lesende, die eine kontextuell geprägte Sichtweise trainiert haben. Das kann zu überraschenden Perspektiven führen. Lesen Sie diese Sätze einmal unvoreingenommen, ohne jegliche Vor-Informationen:

So spricht der HERR, der König Israels und sein Erlöser, der HERR der Heerscharen: Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und es gibt keinen Gott ausser mir. Und wer ist wie ich? Laut soll er es sagen, dass er es kundtut und mir darlegt, für die Zeit, seit ich ein ewiges Volk eingesetzt habe. Und das Kommende und das, was kommen wird, sollen sie ihnen kundtun! Erschreckt nicht und fürchtet euch nicht! Habe ich es dir nicht schon damals verkündet und kundgetan? Und ihr seid meine Zeugen. Gibt es einen Gott ausser mir? Und es gibt keinen Fels! Ich weiss von keinem. (Jes 44,6-8; Zürcher Bibel)

Wehe denen, die hinabziehen nach Ägypten, um Hilfe zu suchen, die sich auf Pferde verlassen! Sie haben auf Streitwagen vertraut, denn es waren viele, und auf Reiter, weil sie so zahlreich waren, auf den Heiligen Israels aber haben sie nicht geschaut, und den HERRN haben sie nicht befragt. Doch auch er ist weise, und er hat Unheil herbeigeführt, und seine Worte hat er nicht zurückgenommen. Und so wird er sich erheben gegen das Haus der Übeltäter und gegen die Hilfe derer, die Böses tun. Denn die Ägypter sind Menschen und nicht Gott, und ihre Pferde sind Fleisch und nicht Geist! Und der HERR wird seine Hand ausstrecken, und der Helfer strauchelt, und es fällt der, dem geholfen wird, und gemeinsam gehen sie alle zugrunde. Denn so hat der HERR zu mir gesprochen: Wie der Löwe knurrt, der junge Löwe über seinem Raub, gegen den die ganze Hirtenschar gerufen wird, vor deren Stimmen er aber nicht erschrickt und vor deren Lärmen er sich nicht duckt, so wird der HERR der Heerscharen herabfahren, um zu kämpfen auf dem Berg Zion, auf seinem Hügel. Wie schwebende Vögel wird der HERR der Heerscharen Jerusalem beschützen, beschützen und retten, verschonen und davonkommen lassen. Kehrt zurück zu dem, gegen den die Israeliten so widerspenstig waren! An jenem Tag wird jeder seine silbernen Götzen verwerfen und seine goldenen Götzen, die eure Hände für euch gemacht haben – eine Sünde! (Jes 31,1-7; Zürcher Bibel)

Vielleicht geht es Ihnen wie jenem Kursteilnehmer, der fand, Jesaja erscheine ihm hier eigentlich eher wie ein Zuhälter als wie ein Prophet: Ein Zuhälter, der mit «seinen» Mädchen grosszügig sein kann, aber auch autoritär und hart; der droht und notfalls zuschlägt, der nicht freigibt, sondern ein Besitzrecht auf die Mädchen beansprucht und seinen Besitz verteidigt…

Finden Sie diese Vorstellung abwegig? Oder hat sie etwas für sich?

Im Kurs folgte die geistesgegenwärtige Antwort sofort: «Ja, Jesaja ist ein Zuhälter, denn er hält zu Gott!»

Der Vater

Die Berliner Künstlerin Henriette von Bodecker hat dieses Bild zum Titel „Der Vater“ gestaltet. Es fordert zum Nachdenken heraus:

  • Ist dies ein fürsorglicher Vater, der wie in einem Tragetuch oder in einer Wiege für das – im Dunkeln verborgene Kind sorgt?
  • Ist dies ein Vater mit hohen weiblichen Anteilen, der mit der Mutter gemeinsam schwanger ist?
  • Ist dies der Vater der ganzen Welt, der die Welt samt Galaxien im gekrümmten Raum aus sich gebiert?
  • Ist dies ein Vater, der …

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie dieses Bild mit dem Titel „Der Vater“ zusammenzubringen versuchen?

Bildnachweis: vertieft – das Seminar zur Zürcher Bibel; Zürich 2007, S. 201

Gottes Gespielin

Das hebräische Wort Chokhma bedeutet bodenständige, praktische Lebensklugheit, die überall in der Welt zu finden ist. Wer sich an dieser Lebensweisheit orientiert, sei erfolgreich und könne mit Gelingen, Ansehen und Wohlstand rechnen. Sie wird in den späten biblischen Schriften des Ersten Testaments personifiziert als Frau Weisheit dargestellt und tritt – noch vor der Erschaffung der Welt! – wie eine Partnerin und Gespielin an Gottes Seite:

In fernster Zeit wurde ich gebildet (sagt die Weisheit),

am Anfang, in den Urzeiten der Erde.

Als es noch keine Fluten gab, wurde ich geboren,

als es noch keine wasserreichen Quellen gab.          […]

Als er den Himmel befestigte, war ich dabei,

als er den Horizont festsetzte über der Flut, […]

da stand ich als Werkmeisterin ihm zur Seite

und war seine Freude Tag für Tag,

spielte vor ihm allezeit.

Ich spielte auf seinem Erdkreis

und hatte meine Freude an den Menschen. Sprüche 8,23-31 (Zürcher Bibel)

So personalisiert dieses Bild der Frau Weisheit präsentiert wird, braucht niemand dabei wirklich an eine Person zu denken: Weisheit ist eine Fähigkeit, eine Gabe, die von Gott ausgeht und die jeder Mensch sich aneignen kann, um mit Gott spielerisch die Welt zu gestalten. Spielen Sie mit?

Das andere Fest

Ich habe auf das Licht gewartet – aber vielleicht ist das Warten schon Licht

Ich habe auf die Erfüllung gewartet – aber vielleicht ist die Sehnsucht schon Erfüllung

Ich habe auf die Freude gewartet – aber vielleicht waren die Tränen schon Zeichen des Lebens

Ich habe auf Gott gewartet und ein Kind kommt zur Welt

(Herkunft unbekannt)

Der brennende Dornbusch

Ex 3

Er wandert mit der Schafherde seines Schwiegervaters von Weideplatz zu Weideplatz. Dazwischen bleibt viel Zeit um die Gedanken schweifen zu lassen. Eigentlich merkwürdig, geht es ihm durch den Kopf, wie viele Geschichten mit dem Schafehüten beginnen … oder an einem Brunnen … Nur seine eigene Geschichte begann anders: kaum hatte seine Mutter ihn abgestillt, wurde er ihr weggenommen und in eine einflussreiche Familie in Pflege gegeben, bekam einen typisch einheimischen Namen, wie ihn auch die Vornehmen im Land tragen: «Mose»[1] wie Ramses oder Thutmosis; so sollte wohl sein Migrationshintergrund abgemildert werden. Doch als er erwachsen wurde, quälte es ihn sehr, wie die Leute seiner eigenen Herkunft geschunden wurden: harte Arbeiten, extrem lange Tage, Gewalt … und eines Tages verteidigte er einen Landsmann und erschlug den angreifenden Vorgesetzten, der sein Regime rassistisch und unterdrückend führte. Da half auch der Einfluss seiner wohlhabenden Pflegefamilie nichts mehr und er floh über die Grenze. Wieder ein Fremder, wieder Asylgesuche, wieder aber auch Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Hier hat er geheiratet und einen Sohn bekommen. «Multikulti», grinst er in sich hinein und reckt sich der Sonne entgegen, «alles in allem hat er Glück gehabt».

Doch was ist das? Wenn die Steppe brennt – das wäre gefährlich für die Herde! Muss er die Richtung ändern? Doch das Feuer raucht nicht, breitet sich nicht aus, gleichzeitig scheint es nichts zu verbrennen. Ob darin ein Wunder steckt? Oder eine optische Täuschung? Ist das ein Zeichen? Eine Botschaft? Eine göttliche womöglich? Das will er sich genauer ansehen …

… da warnt ihn eine Stimme, nicht näher zu treten, denn «der Ort ist heiliger Boden». Also doch ein göttliches Ereignis! Er zieht seine Sandalen aus und bedeckt sich Kopf und Gesicht, denn nur wer stirbt, kann Gott sehen. Und da beginnt die Gottheit mit ihm zu reden, spricht Mose bei seinem Namen an und redet vom Elend der Migranten und dass «ich» sie – mit Moses Hilfe – befreien und in ein anderes, besseres, freies Land bringen wolle. Mose traut sich diesen Auftrag nicht zu, doch Gott verspricht ihm: «Ich werde mit dir sein» (V12). Mose fragt zurück: «wenn ich dem Volk vom Gott ihrer Ahnen erzähle, dann wollen sie sicher deinen Namen wissen, als Erkennungszeichen sozusagen. Was soll ich ihnen dann sagen, wie du heisst?»

Da sagt Gott: «Ich war schon immer da und werde immer da sein. Darum ist mein Name ‘ich bin, als der ich mich erweisen werde’; aber das ist kompliziert. Du kannst meinen Namen vielleicht besser ‘ich-bin-da-weil-ich-da-bin’ nennen. Einfacher ist ‘ich-werde-sein-der-ich-sein-werde’; doch das ist zu sehr in die Zukunft gedacht. Nenne mich einfach ‘ich-bin-der-ich-bin’ – oder ganz einfach ‘ich-bin-da’. Ja, sag dem Volk: ‘der Ich-bin-da hat mich geschickt.»

Ja, was denn nun, denkt Mose, und hat darüber seine Schafherde ganz vergessen: welches ist denn nun der richtige Name Gottes? Kann man einen einzigen Namen auf so unterschiedliche Weise aussprechen? Ja, darf man einen so absolut heiligen Namen überhaupt aussprechen? Kann das nicht zu Verwechslungen führen? Wenn er, Mose, nun geht und sagt «der Ich-bin-da hat mich gesandt» können die Leute dann nicht auch denken, dass er sich selbst damit meint?

[1] Der altägyptischen Wurzel *mesi/mesa/mes („gebären“) verwandt, die in zahlreichen Personennamen oft in Verbindung mit einem Gottesnamen belegt ist, beispielsweise steht Ramses II. (Rˁ msj sw – Ra-mesi-su) für Ramses oder Ramose („Re ist der, der ihn geboren hat“ bzw. „der von Re geborene“), Thutmosis (Ḏḥwtj msj sw – Djehuti mes, „Thot ist der, der ihn geboren hat“)

Blutsbrüderschaft

Erinnern sie sich an die Bücher von Karl May?

Intschu tschuna entblößte den Vorderarm seines Sohnes, um ihn mit dem Messer zu ritzen. Es quollen aus dem kleinen, unbedeutenden Schnitte einige Blutstropfen, welche der Häuptling in die eine Wasserschale fallen ließ. Dann nahm er mit mir dieselbe Prozedur vor, bei welcher einige Tropfen in die andere Schale fielen. Winnetou bekam die Schale mit meinem Blute und ich die mit dem seinigen in die Hand; dann sagte Intschu tschuna:

»Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, daß sie eine einzige Seele bilden. Was Old Shatterhand dann denkt, das sei auch Winnetous Gedanke, und was Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands. Trinkt!«“ (Winnetou I)

 

Wussten Sie, dass dieser Gedanke der Blutsbrüderschaft (oder besser: der Blutsgeschwisterschaft) auch in der christlichen Tradition zu finden ist?

«Heute geht aus seiner Kammer/ Gottes Held,/ der die Welt/ reisst aus allem Jammer./

Gott wird Mensch: / dir, Mensch, zugute, /

Gottes Kind, / das verbindt / sich mit unserm Blute.» RG 401, 2

 

Diese Blutsvergeschwisterung macht Mensch und Gott zu Wahlverwandten. Das wirkt sich auf die Art und Qualität der Beziehung aus: Anstelle des hierarchischen Gefälles tritt eine Verbundenheit, die weit über die emotionale Augenblicksverliebtheit hinausreicht, die den Anspruch erhebt, ein Leben lang zu gelten. Sie ist mehr als Freundschaft und wohl auch mehr als genetische Verwandtschaft, eben weil sie gewählt und bekräftigt und besiegelt worden ist.