Der brennende Dornbusch

Ex 3

Er wandert mit der Schafherde seines Schwiegervaters von Weideplatz zu Weideplatz. Dazwischen bleibt viel Zeit um die Gedanken schweifen zu lassen. Eigentlich merkwürdig, geht es ihm durch den Kopf, wie viele Geschichten mit dem Schafehüten beginnen … oder an einem Brunnen … Nur seine eigene Geschichte begann anders: kaum hatte seine Mutter ihn abgestillt, wurde er ihr weggenommen und in eine einflussreiche Familie in Pflege gegeben, bekam einen typisch einheimischen Namen, wie ihn auch die Vornehmen im Land tragen: «Mose»[1] wie Ramses oder Thutmosis; so sollte wohl sein Migrationshintergrund abgemildert werden. Doch als er erwachsen wurde, quälte es ihn sehr, wie die Leute seiner eigenen Herkunft geschunden wurden: harte Arbeiten, extrem lange Tage, Gewalt … und eines Tages verteidigte er einen Landsmann und erschlug den angreifenden Vorgesetzten, der sein Regime rassistisch und unterdrückend führte. Da half auch der Einfluss seiner wohlhabenden Pflegefamilie nichts mehr und er floh über die Grenze. Wieder ein Fremder, wieder Asylgesuche, wieder aber auch Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Hier hat er geheiratet und einen Sohn bekommen. «Multikulti», grinst er in sich hinein und reckt sich der Sonne entgegen, «alles in allem hat er Glück gehabt».

Doch was ist das? Wenn die Steppe brennt – das wäre gefährlich für die Herde! Muss er die Richtung ändern? Doch das Feuer raucht nicht, breitet sich nicht aus, gleichzeitig scheint es nichts zu verbrennen. Ob darin ein Wunder steckt? Oder eine optische Täuschung? Ist das ein Zeichen? Eine Botschaft? Eine göttliche womöglich? Das will er sich genauer ansehen …

… da warnt ihn eine Stimme, nicht näher zu treten, denn «der Ort ist heiliger Boden». Also doch ein göttliches Ereignis! Er zieht seine Sandalen aus und bedeckt sich Kopf und Gesicht, denn nur wer stirbt, kann Gott sehen. Und da beginnt die Gottheit mit ihm zu reden, spricht Mose bei seinem Namen an und redet vom Elend der Migranten und dass «ich» sie – mit Moses Hilfe – befreien und in ein anderes, besseres, freies Land bringen wolle. Mose traut sich diesen Auftrag nicht zu, doch Gott verspricht ihm: «Ich werde mit dir sein» (V12). Mose fragt zurück: «wenn ich dem Volk vom Gott ihrer Ahnen erzähle, dann wollen sie sicher deinen Namen wissen, als Erkennungszeichen sozusagen. Was soll ich ihnen dann sagen, wie du heisst?»

Da sagt Gott: «Ich war schon immer da und werde immer da sein. Darum ist mein Name ‘ich bin, als der ich mich erweisen werde’; aber das ist kompliziert. Du kannst meinen Namen vielleicht besser ‘ich-bin-da-weil-ich-da-bin’ nennen. Einfacher ist ‘ich-werde-sein-der-ich-sein-werde’; doch das ist zu sehr in die Zukunft gedacht. Nenne mich einfach ‘ich-bin-der-ich-bin’ – oder ganz einfach ‘ich-bin-da’. Ja, sag dem Volk: ‘der Ich-bin-da hat mich geschickt.»

Ja, was denn nun, denkt Mose, und hat darüber seine Schafherde ganz vergessen: welches ist denn nun der richtige Name Gottes? Kann man einen einzigen Namen auf so unterschiedliche Weise aussprechen? Ja, darf man einen so absolut heiligen Namen überhaupt aussprechen? Kann das nicht zu Verwechslungen führen? Wenn er, Mose, nun geht und sagt «der Ich-bin-da hat mich gesandt» können die Leute dann nicht auch denken, dass er sich selbst damit meint?

[1] Der altägyptischen Wurzel *mesi/mesa/mes („gebären“) verwandt, die in zahlreichen Personennamen oft in Verbindung mit einem Gottesnamen belegt ist, beispielsweise steht Ramses II. (Rˁ msj sw – Ra-mesi-su) für Ramses oder Ramose („Re ist der, der ihn geboren hat“ bzw. „der von Re geborene“), Thutmosis (Ḏḥwtj msj sw – Djehuti mes, „Thot ist der, der ihn geboren hat“)

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