Der Zuhälter

Dass man einen Bibeltext auch ganz anders lesen kann, als theologische gebildete Kursleitende es tun, führen Teilnehmende immer wieder vor Augen. Sie unterscheiden nicht zwischen der Stimme des Propheten, der Gottes Wort vermittelt, und Gott selbst. Sie haben – geprägt von TV und Social Media – völlig andere Assoziationen zu einem Text als Lesende, die eine kontextuell geprägte Sichtweise trainiert haben. Das kann zu überraschenden Perspektiven führen. Lesen Sie diese Sätze einmal unvoreingenommen, ohne jegliche Vor-Informationen:

So spricht der HERR, der König Israels und sein Erlöser, der HERR der Heerscharen: Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und es gibt keinen Gott ausser mir. Und wer ist wie ich? Laut soll er es sagen, dass er es kundtut und mir darlegt, für die Zeit, seit ich ein ewiges Volk eingesetzt habe. Und das Kommende und das, was kommen wird, sollen sie ihnen kundtun! Erschreckt nicht und fürchtet euch nicht! Habe ich es dir nicht schon damals verkündet und kundgetan? Und ihr seid meine Zeugen. Gibt es einen Gott ausser mir? Und es gibt keinen Fels! Ich weiss von keinem. (Jes 44,6-8; Zürcher Bibel)

Wehe denen, die hinabziehen nach Ägypten, um Hilfe zu suchen, die sich auf Pferde verlassen! Sie haben auf Streitwagen vertraut, denn es waren viele, und auf Reiter, weil sie so zahlreich waren, auf den Heiligen Israels aber haben sie nicht geschaut, und den HERRN haben sie nicht befragt. Doch auch er ist weise, und er hat Unheil herbeigeführt, und seine Worte hat er nicht zurückgenommen. Und so wird er sich erheben gegen das Haus der Übeltäter und gegen die Hilfe derer, die Böses tun. Denn die Ägypter sind Menschen und nicht Gott, und ihre Pferde sind Fleisch und nicht Geist! Und der HERR wird seine Hand ausstrecken, und der Helfer strauchelt, und es fällt der, dem geholfen wird, und gemeinsam gehen sie alle zugrunde. Denn so hat der HERR zu mir gesprochen: Wie der Löwe knurrt, der junge Löwe über seinem Raub, gegen den die ganze Hirtenschar gerufen wird, vor deren Stimmen er aber nicht erschrickt und vor deren Lärmen er sich nicht duckt, so wird der HERR der Heerscharen herabfahren, um zu kämpfen auf dem Berg Zion, auf seinem Hügel. Wie schwebende Vögel wird der HERR der Heerscharen Jerusalem beschützen, beschützen und retten, verschonen und davonkommen lassen. Kehrt zurück zu dem, gegen den die Israeliten so widerspenstig waren! An jenem Tag wird jeder seine silbernen Götzen verwerfen und seine goldenen Götzen, die eure Hände für euch gemacht haben – eine Sünde! (Jes 31,1-7; Zürcher Bibel)

Vielleicht geht es Ihnen wie jenem Kursteilnehmer, der fand, Jesaja erscheine ihm hier eigentlich eher wie ein Zuhälter als wie ein Prophet: Ein Zuhälter, der mit «seinen» Mädchen grosszügig sein kann, aber auch autoritär und hart; der droht und notfalls zuschlägt, der nicht freigibt, sondern ein Besitzrecht auf die Mädchen beansprucht und seinen Besitz verteidigt…

Finden Sie diese Vorstellung abwegig? Oder hat sie etwas für sich?

Im Kurs folgte die geistesgegenwärtige Antwort sofort: «Ja, Jesaja ist ein Zuhälter, denn er hält zu Gott!»

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