Lied des Menschen

Der auf Helgoland beheimatete, 1997 verstorbene Kinderbuchautor James Krüss, der mit Büchern wie «Tim Thaler oder Das verkaufte Lachen», «Mein Urgrossvater und ich» oder den Geschichten von den Hummerklippen ganze Generationen von Kinderherzen begeistert hat, schrieb folgendes Gedicht über das Menschsein:

Lied des Menschen

 

Ich bin ein Mensch; doch bild ich mir nicht ein,
ich könnt im Dunkeln besser sehn als Eulen –
ich könnte lauter als die Wölfe heulen,
und stärker als ein Löwe sein.
mehr …

Visualizing the Bible

Lässt sich die Bibel visualisieren?

Immer haben Menschen einzelne Erzählungen der Bibel zu illustrieren versucht, word-Clouds kamen vor ein paar Jahren in Mode – faszinierend ist auch der Versuch des deutschen lutherischen Pastors Christoph Römhild und Chris Harrison, die Querverweise innerhalb der Bibel sichtbar zu machen:

Dabei entsteht ein faszinierender Regenbogenaus unglaublich vielen Stellen, mit denen die Bibel auf sich selbst Bezug nimmt und sich selbst zitiert.

christliche Tugenden

Wer im Internet nach „christlichen Tugenden“ sucht stösst rasch einmal auf 1 Kor 13,13: Vertrauen, Zuversicht, Liebe – die Liebe jedoch sei die grösste unter ihnen. Diese drei ursprünglichen christlichen Tugenden sind zum Glück keine moralische Handlungsanweisung, beschreiben vielmehr eine Lebenseinstellung und Haltung. Spannend ist dabei, den ganzen Hymnus auf die Liebe nicht als Aufforderung, wie zu lieben sei zu lesen, sondern als Zusage Gottes der göttlichen Liebe, die den Menschen als einzelnen wie als Kollektiv gilt. Dargestellt werden diese drei gern als Töchter der Weisheit, griechisch „Sophia“.

So allegorisch bedeutungsvoll diese symbolträchtige Darstellung sein mag, sie geht vermutlich auf die Heilige Sophia von Mailand zurück, die im 2. Jahrhundert als christliche Märtyrerin starb. Sie nannte ihre drei Töchter Fides, Spes und Caritas – Vertrauen, Zuversicht und Liebe oder wie viele Bibeln überetzen: Glaube, Liebe und Hoffnung.

Spät erst begriff ich, dass meine Grosseltern etwas Ähnliches taten, als sie ihre Töchter Vera (Wahrheit) und Irene (Frieden) nannten

Die Plazenta – das erste Organ des Menschen

„Zwar wird die Plazenta auch als Mutter- oder Fruchtkuchen bezeichnet, doch nicht etwa die Mutter bildet sie aus, sondern der Embryo.“

„Jedes menschliche Leben entsteht in der Plazenta. Sie ist das Lebenssicherungssystem des Ungeborenen, das sich in das Gewebe der Mutter eingräbt, um das Kind zu versorgen.“

Diese aufregende Entdeckung lädt zum Weiterdenken ein: gebiert der Mensch sich aus sich selbst heraus? Welche Bedeutung hat die Gastwirtin, die Mutter für das sich entwickelnde Leben? (Wie) Verändert sich mit dieser Entdeckung der Schöpfungsglaube?

Romeo und Julia

Max Hunziker, Reformierte Kirche Meilen

Max Hunziker, Reformierte Kirche Meilen

Die Drittklässler*innen besuchen die Kirche und betrachten das Kirchenfenster ganz genau. Sie entdecken Sterne und Feuerflammen, Maria mit dem Kind, den segnenden Christus. Schliesslich fragt die Katechetin: „Und wisst Ihr auch, wer die beiden ganz unten sind?“ Ein Kind meldet sich wild schnipsend:
„Das sind Romeo und Julia!!!“

Opium für das Volk?

Die NZZ am Sonntag zitiert die Frankfurter Suchtforscherin Irmgard Vogt und fasst ihre Stellungnahme zusammen: «‘Menschen haben schon immer versucht, das Leben erträglicher zu machen.’ Früher ging man in die Kirche und betete, heute greift man in die Hausapotheke und schluckt eine Tablette. Es ist einfacher und gleichzeitig komplizierter geworden. Mit Sicherheit passt das in die Welt, die immer künstlicher und abstrakter ist, immer weiter weg von dem, was wir Natur nennen. Das beschäftigt die Suchtforscherin, stimmt sie nachdenklich. Heute scheint es schlicht normal zu sein, jeden erdenklichen Lebensumstand mit chemischen Mitteln zu beeinflussen. Die grosse Frage lautet, ob schnelle Lösungen am Ende tatsächlich die besten sind.» (NZZ am Sonntag, 15.12.2019, S.19)

Storytelling

Meine Grossmutter hat neben Märchen vor allem auch Kindheitsgeschichten erzählt.

Das war für sie sicher so etwas wie Biografiearbeit und für uns bedeutete es das Eintauchen in eine komplett fremde Welt, die auf eine Zeit verschmolz mit Jesu Geburt, Karl dem Grossen und Napoleon.

Erzähl-Cafés bilden heute die Erzähltraditionen nach, und ich freue mich immer wieder überrascht an den gewählten Aufhänger Themen: „Türen, durch die ich gegangen bin“ –  „Koffer packen“ –  „Guetzli backen“ –  „eine besondere Kerze“ … Besonders gefällt mir, dass die Themen jeweils so formuliert sind, dass sie weder in der Kindheit stecken bleiben noch auf die Lebensdramen reduzierbar sind. Die Einladung, einander Lebensgeschichten zu erzählen und sich dabei des eigenen Menschseins zu vergegenwärtigen, ist generationenübergreifend und bereits meine zweijährige Enkelin beginnt, Geschichten zu erzählen: „Omama, Himmel rot.“ Das versteht man doch sofort, auch wenn man das spektakuläre Abendrot nicht selbst gesehen hat. Oder?

Zu denken gibt mir allerdings, dass „Storytelling“ seit längerem auch in der Werbung Einzug gehalten hat: die erzählten Geschichten dienen nun nicht der Selbstvergewisserung, sondern sollen vielmehr irgendwelche Produkte vermarkten. Ist das einfühlsam oder zynisch?

Flammen und Fluten

Jes 43,2 „Wenn du durch Wasser gehst – ich bin bei dir, und durch Flüsse – sie überfluten dich nicht. Wenn du durch Feuer schreitest, wirst du nicht verbrannt, und die Flamme versengt dich nicht.“

Dieser Vers lässt mich immer an die Zauberflöte von Mozart denken, wenn Pamina und Tamino im grossen Finale im Duett singen

„Wir wandelten durch Feuergluten, / bekämpften mutig die Gefahr, /
dein Ton sei Schutz in Wasserfluten, / so wie er es im Feuer war.“

Es sind grossartige Vorstellungen darüber, selbst Flammen und Fluten überwinden zu können – doch wird diese Macht in beiden Zitaten nicht als Herrschaft über die Elemente verstanden. Hier wird nicht nach einem Rezept gesucht, die Elemente zu domestizieren, sondern es ist die dankbare Erfahrung beschützt zu sein, bewahrt durch das Göttliche, das grösser ist als die menschliche Begrenztheit.

Werke der Barmherzigkeit

Die sieben Werke der Barmherzigkeit Mt 25

34 Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, empfangt als Erbe das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an. 35 Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. Ich war krank, und ihr habt euch meiner angenommen. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich bekleidet? 39 Wann haben wir dich krank gesehen oder im Gefängnis und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird ihnen zur Antwort geben: Amen, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Uns ist beigebracht worden, diesen Text als die eine Hälfte einer bedrohlichen Gerichtsankündigung zu verstehen, die uns nur vor Augen führt, wo und wie oft wir im Leben scheitern. Heilsamer ist der Weg, den Hieronymus Bosch einschlägt, wenn er stattdessen die Werke der Barmherzigkeit darstellt, die er – mit Ausnahme der Totenbestattung – aus Mt 25 übernimmt.
Welch ein Perspektivenwechsel!
Statt sich vor dem Gericht zu fürchten erhält der Mensch hier Anregungen dafür, wie «Barmherzigkeit» gelebt werden kann!