Erbarmen

«Si verbarmet mi» – so sagt meine Mutter jeweils, wenn ihr das Schicksal einer Freundin nahe geht. Sie drückt damit aus, dass das Leid ihr nahe geht und in ihr Mitgefühl auslöst. Es ist ein Beziehungsgeschehen, dass sich kaum ins Hochdeutsche übersetzen lässt. Standarddeutsch klingt es sprachlich distanzierter: «ich erbarme mich ihrer» oder «ich habe Erbarmen mit ihr». Die Dialektvariante betont mehr das, was zwischen den beiden Personen geschieht.

Davon erzählt auch das Gleichnis vom «barmherzigen Samaritaner» (Lk 10, 30ff), der es zulässt, dass der verletzte Unbekannte in ihm Mitgefühl weckt. Er versorgt ihn mit dem Lebensnötigen und sorgt für seine Genesung.

Im Hebräischen ist «Erbarmen» eng mit dem Wort «Uterus» verwandt und es gibt Versuche, solch eine Verwandtschaft auch für das deutsche Wort «barm» («Schoss, Busen») und «uterus» zu konstruieren. Die Gebärmutter sei eigentlich der Zusammenschluss von zweimal dem selben Wort: «Barm-Uter(us)». Dann wäre Erbarmen ein mütterliches Empfinden, das zur Tat wird. Das dem noch Ungeborenen, Neugeborenen und Heranwachsenden alles gibt, was zum Leben nötig ist – im äussersten Fall sogar auf Kosten der eigenen Bedürfnisse und Kräfte.

Wer anderen Menschen aus freien Stücken gibt, handelt fürsorglich und menschlich – umso mehr, wenn das Gegenüber vollkommen fremd ist. Das Erbarmen macht aus einem Fremden einen Nächsten.

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