Berg

Oben auf dem Berg

Wer einen (noch nicht touristisch erschlossenen) Berg besteigt, verlässt die Komfortzone. Mit jedem Schritt nach oben wird die Distanz zum bekannten Alltag grösser, der Weg schmaler und schlechter erkennbar und das Wetter unberechenbarer. Die Wanderin nach oben lässt Sicherheiten los, wird empfänglicher für die feinen Zwischentöne des Lebens und offen für Erfahrungen, die über das normale Bewusstsein hinausgehen.

Deshalb sind in vielen Religionen die Berge der Ort, an dem die Gottheit besonders erfahren wird, ja sogar ihren Wohnsitzt hat.

In der hebräischen Bibel erfährt Mose auf dem Sinai die Nähe Gottes und empfängt die Tora. Dem Volk wird die Intensität dieser Begegnung nicht zugemutet. («Zieh eine Grenze um den Berg und erkläre ihn für heilig.» Ex 19.23)

Mit dem Tempelbau nimmt Gott zwar immer noch auf einem Berg, aber einem mitten in der Stadt Wohnsitz: «In jener Zeit wird man Jerusalem Thron-des-Herrn nennen. Und dort werden sich alle Nationen versammeln, beim Namen des Herrn, in Jerusalem…» (Jer 3,17a) – der Berg ist niedriger zugänglicher geworden und Gott rückt näher in den Alltag der Menschen.

Als diese Wohnstätte Gottes während des babylonischen Exils im 6. Jh. v.Chr. nicht mehr existierte, war eine der grösseren Fragen, wo Gott ist, wie er erfahrbar ist und wo er angebetet wird. Gibt es überhaupt einen Ort, wo Gott nicht ist?

Weit weg von der Jerusalemer Gottesbergruine entstanden erste Gottesdienstformen ohne Tempel. Der «Gottesberg» ist endgültig im Alltag angekommen. Gott zeigt sich überall und ist überall erfahrbar. Um für diese Gottesgegenwart empfänglich zu werden, ist es trotzdem gut, ab und zu einen Berg zu besteigen und sich in der Stille der Gottesgegenwart hinzugeben, im Wissen darum, dass Gott den Aufstieg und Abstieg vom Berg mitgeht.

2 Kommentare

  1. Adelheid Lipp · Mai 11

    ich möchte einfach mal danken, für die so sorgfältig gewählten Worte, oder kürzlich das Lied zum Tanz!
    ich habe grösste Mühe, diese biblischen Geschichten zu lesen. und jetzt freue ich mich schon, weil Ihr/Du mir diese Texte in meinen Alltag bringen kannst! Ohne Überzeugungen, die ich nicht glauben kann!

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  2. angelascuol · Mai 12

    Liebe Adelheid
    Vielen Dank für dein schönes Kompliment! Dann haben wir unser Ziel ja genau erreicht 😉
    Uns selber überrascht auch immer wieder, was wir entdecken und dann gern teilen!
    Herzlich, Angela

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