Berg

Hebe deine Augen auf zu den Bergen!

Lassen Sie sich von den leichten, beschwingten Klängen auf einen Berg entführen! Felix Mendelssohn Bartholdy vertonte Ps 121 im Rahmen seines Oratoriums „Elias“, das 1846 in Birmingham uraufgeführt wurde. Hier in einer Einspielung des niederländischen „The Cantamare Vocal Ensemble“ unter der Leitung von Silvère van Lieshout vom 4. Juni 2016.

Berg

Wolken auf dem Berg

Jesu nimmt auf einem Berg endgültig Abschied. Was wirklich geschah, bleibt verborgen. Was bleibt, sind die durch den Himmelblick veränderten Menschen, die in der Kraft des Geistes ihren Weg weitergehen:

4Und beim gemeinsamen Mahl hat er ihnen geboten, nicht von Jerusalem wegzugehen, sondern zu warten auf die verheissene Gabe des Vaters, die ich – so sagte er – euch in Aussicht gestellt habe. 5Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet mit heiligem Geist getauft werden, schon in wenigen Tagen. 6Die, welche damals beisammen waren, fragten ihn: Herr, wirst du noch in dieser Zeit deine Herrschaft wieder aufrichten für Israel? 7Er aber sagte zu ihnen: Euch gebührt es nicht, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Vollmacht festgesetzt hat. 8Ihr werdet aber Kraft empfangen, wenn der heilige Geist über euch kommt, und ihr werdet meine Zeugen sein, in Jerusalem, in ganz Judäa, in Samaria und bis an die Enden der Erde. 9Als er dies gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. 10Und während sie ihm unverwandt nachschauten, wie er in den Himmel auffuhr, da standen auf einmal zwei Männer in weissen Kleidern bei ihnen, 11die sagten: Ihr Leute aus Galiläa, was steht ihr da und schaut hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn in den Himmel habt auffahren sehen. 12Da kehrten sie vom Ölberg nach Jerusalem zurück; dieser liegt nahe bei Jerusalem, nur einen Sabbatweg weit weg. (Apg. 1, 4-12)

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Till Eulenspiegel

Eulenspiegel-Denkmal in Mölln

Till Eulenspiegel war mit einigen Gefährten auf einer Wanderschaft, die mehrere Tage andauerte. Die Gegend war gebirgig. Der Weg führte immer wieder bergauf und bergab. Während die Gefährten keuchten und schimpften, sobald der Weg einen Berg hinaufführte, war Eulenspiegel glücklich, summte ein Lied und wirkte entspannt. Ging es den Berg hinunter, schaute er grimmig, war ungehalten und leicht reizbar. Seine Gefährten waren beim Abstieg dagegen fröhlich, denn diesen Weg gingen sie viel leichter. So war es Aufstieg für Aufstieg, Abstieg für Abstieg. Dass sich Eulenspiegel so eigenartig verhielt, ließ den Gefährten keine Ruhe, sodass sie ihn fragten, warum er Probleme damit habe, den Berg runterzulaufen. Da erklärte er seine Philosophie mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Sobald ich den Berg hinaufgehe, bin ich glücklich, weil ich weiß, dass es bald wieder den Berg hinuntergeht und darauf freue ich mich schon. Wenn wir einen Berg hinabsteigen, denke ich aber schon mit Unbehagen daran, wie wir bald wieder den Berg hinauflaufen müssen und wie anstrengend das wird.“ Nach: Deutsch Diktat Till Eulenspiegel und das Wandern

Anregungen zum Weiterdenken:

  • Steigen Sie lieber den Berg hinauf oder gehen Sie lieber bergab?
  • Welche Gefühle und Empfindungen entstehen, wenn Sie in den Bergen unterwegs sind?
  • Sind Sie eine Person, die gern vorausschaut? Oder leben Sie eher im Augenblick? … Finden Sie im Leben den Einklang zwischen bergauf und bergab?

Berg

Tal und Berg im Markusevangelium

Das Markus-Evangelium formuliert seine Glaubens-Botschaft – auch – geographisch:

Jesu öffentlicher Weg beginnt am tiefsten Punkt der Erde: Im Markusevangelium wird Jesus im Jordan im Gebiet von Judäa und Jerusalem getauft, also dort, wo der Jordan in das Tote Meer fliesst. Ausgerechnet dort steht der Himmel offen und der Geist Gottes kommt auf Jesus hinab. Tiefer und unwirtlicher geht es nicht. Jeder Schritt von dort weg bedeutet automatisch einen Schritt weiter hinauf.

Bald darauf befindet er sich in Galiläa, bereits ein paar hundert Meter höher in einer grünen und fruchtbaren Gegend. Dort und um den ganzen See Genezareth herum predigt Jesus und tut Wunder. Es ist die fruchtbarste Zeit in seiner Biographie. Etwa drei Jahre lang bewegt er die Menschen in seiner Heimat, nimmt sie mit auf seinen Weg und ist mit Freund*innen und Fremden im Gespräch.

Gegen Ende der Zeit im Norden setzt Markus mit der Verklärung Jesu auf dem «hohen Berg» (Mk 9) einen ersten geographischen Höhepunkt: Oben auf dem Berg öffnet sich der Himmel wieder und die Stimme sagt wie bei der Taufe: «das ist mein geliebter Sohn.» Die Menschen um Jesus herum beginnen seine und damit ihre eigene Berufung zu verstehen.

Vom See Genezareth im Norden, bricht er bald darauf auf, geht das Jordantal hinab und kommt wieder an seiner Taufstelle am Tiefpunkt der Erde vorbei. Der erste Kreis schliesst sich.

Der zweite Aufstieg weg von der Stelle, wo der Himmel in der Tiefe offen stand, führt in nach Jerusalem, der Stadt auf dem Berg. Dort wird Jesus leiden und am Ende sterben. Bei seinem Tod zerreisst der Vorhang – er trennte die Gottesgegenwart im Tempel von den Menschen. Und ein fremder Soldat spricht aus: «Ja, dieser Mensch war wirklich Gottes Sohn!» (Mk 15,40) – der Himmel steht auch hier offen und bleibt es. Am Ostermorgen werden die Frauen von einer Gestalt im Grab nach Galiläa geschickt (Mk 16,7), geographisch in der Mitte zwischen ganz unten und ganz oben. Sie kehren an den Ort zurück, an dem ihre Geschichte mit Jesus anfing. Dort werden sie in ihrem Alltag ihre eigene fruchtbare Spur Gottes in diese Welt legen.

Berg

Oben auf dem Berg

Wer einen (noch nicht touristisch erschlossenen) Berg besteigt, verlässt die Komfortzone. Mit jedem Schritt nach oben wird die Distanz zum bekannten Alltag grösser, der Weg schmaler und schlechter erkennbar und das Wetter unberechenbarer. Die Wanderin nach oben lässt Sicherheiten los, wird empfänglicher für die feinen Zwischentöne des Lebens und offen für Erfahrungen, die über das normale Bewusstsein hinausgehen.

Deshalb sind in vielen Religionen die Berge der Ort, an dem die Gottheit besonders erfahren wird, ja sogar ihren Wohnsitzt hat.

In der hebräischen Bibel erfährt Mose auf dem Sinai die Nähe Gottes und empfängt die Tora. Dem Volk wird die Intensität dieser Begegnung nicht zugemutet. («Zieh eine Grenze um den Berg und erkläre ihn für heilig.» Ex 19.23)

Mit dem Tempelbau nimmt Gott zwar immer noch auf einem Berg, aber einem mitten in der Stadt Wohnsitz: «In jener Zeit wird man Jerusalem Thron-des-Herrn nennen. Und dort werden sich alle Nationen versammeln, beim Namen des Herrn, in Jerusalem…» (Jer 3,17a) – der Berg ist niedriger zugänglicher geworden und Gott rückt näher in den Alltag der Menschen.

Als diese Wohnstätte Gottes während des babylonischen Exils im 6. Jh. v.Chr. nicht mehr existierte, war eine der grösseren Fragen, wo Gott ist, wie er erfahrbar ist und wo er angebetet wird. Gibt es überhaupt einen Ort, wo Gott nicht ist?

Weit weg von der Jerusalemer Gottesbergruine entstanden erste Gottesdienstformen ohne Tempel. Der «Gottesberg» ist endgültig im Alltag angekommen. Gott zeigt sich überall und ist überall erfahrbar. Um für diese Gottesgegenwart empfänglich zu werden, ist es trotzdem gut, ab und zu einen Berg zu besteigen und sich in der Stille der Gottesgegenwart hinzugeben, im Wissen darum, dass Gott den Aufstieg und Abstieg vom Berg mitgeht.

Berg

Sendung auf dem Berg

Kommentar zur Zürcher Bibel, tvz 2010, Bd 1, S 203: Der babylonische Sonnengott thront auf dem Weltenberg

Mt 28 16Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa, auf den Berg, wohin Jesus sie befohlen hatte. 17Und als sie ihn sahen, warfen sie sich nieder; einige aber zweifelten. 18Und Jesus trat zu ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.19Geht nun hin und macht alle Völker zu Jüngern: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes,20und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Dieser Berg ist ein symbolischer Ort der Gottesbegegnung. Seine geographische Lage oder sein Name spielen keine Rolle, doch die Erinnerung an andere Berge ist von Bedeutung: Gott thront auf dem Berg (Ps 2,6 uö), Gott erscheint auf dem Berg, um Mose die Gesetzestafeln zuhanden des Volkes zu übergeben (Ex 19); die Verklärung Jesu (Mt 17) findet auf einem hohen Berg statt und Jesus hält – so erzählt es das Matthäusevangelium – auf einem Berg seine Bergpredigt (Mt 5-7). Himmel und Erde berühren sich auf einem Berg. Wer einen Berg bestiegen hat, hat eine Anstrengung hinter sich, einen weiten Blick ins Land vor sich und einen unendlich weiten Himmel über sich. Manch eine Person mag sich dort dem Göttlichen besonders nah fühlen! Umgekehrt sind Berge auch von weitherum sichtbar und können so zum Sehnsuchtsort werden.

Und nun bestellt der auferstandene Jesus Christus seine Jünger*innen auf «den Berg», um ihnen dort oben den Auftrag zu geben, sich auf den Weg zu begeben, um seine Botschaft zu allen Menschen zu bringen, sie zu taufen und die Gegenwart Christi bewusst zu vergegenwärtigen. Der Berg hat eine starke Symbolkraft: die Jünger*innen werden in alle Himmelsrichtungen ausgesendet, damit sich die Botschaft vom Reich Gottes über die ganze Welt ergiessen kann. Die Jünger*innen werden dafür mit allem ausgestattet, was sie zur Erfüllung des Auftrags brauchen: «Siehe ich bin bei euch».

Ein weiterer Horizont ist kaum vorstellbar!

Leiblichkeit

Lord of the Dance

Der englische Songschreiber Sidney Carter schrieb 1963 das Lied „Lord of the Dance“. Die irische Volksliedmusik, mit der er den Text intonierte, animiert, in Bewegung zu kommen und den Tag mit einem Tanz zu beginnen:

Übersetzung

Carter war teilweise inspiriert von Jesus, aber auch von einer hinduistischen Statue des tanzenden Shiva, welche auf seinem Schreibtisch stand. Er sagte später: «Ich dachte nicht, dass die Kirchen es lieben würden. Ich dachte, viele Leute würden es ziemlich abgehoben finden, möglicherweise häretisch und sowieso kaum christlich. Aber offensichtlich haben die Leute es gesungen und ich habe ohne es zu wissen, etwas berührt.» (Übersetzung aufgrund von Lord of the Dance)

Leiblichkeit

Auferstehungsleib

Paulus ist Jesus zu seinen Lebzeiten nie begegnet. Darum reiht sich der Apostel selbst erst als Letzter in die Reihe derjenigen ein, denen Jesus nach der Auferstehung erschienen ist (1 Kor 15,8). Nach Apg 9 ist er sogar der erste nachpfingstliche Zeuge der Auferstehung. Paulus erlebt den Auferstanden in Licht und Stimme, die leibliche Dimension fehlt. Das verbindet ihn mit denjenigen, die seine Briefe lesen: Niemand von ihnen hat Jesus gesehen, keiner war bei den Erscheinungen zwischen Ostern und Himmelfahrt dabei und alle haben die Schwierigkeit, dass sie zwar glauben, aber die eigenen Erfahrungen hinter den Berichten der ersten Generation zurückbleiben.

Diese Umstände drücken sich auch in Paulus’ Art aus, über die Auferstehung zu reden. Während die erste Generation der Jüngerinnen und Jünger die Kontinuität des Lebens von Jesus betonte – er lebt! – ringt Paulus mit der Gemeinde in Korinth um die Glaubwürdigkeit der Berichte. Gibt es eine Auferstehung? Wäre das Christentum noch glaubwürdig, wenn man belegen könnte, dass es keine gibt?

Paulus hat nur seine eigene Erfahrung mit dem Auferstandenen und die Berichte der Apostelinnen und Apostel, was natürlich kein Beweis ist. Er weiss das. Aber etwas Anderes hat er nicht.

Ebenso lässt er sich nicht dazu hinreissen, allzu genau zu beschreiben, wie der Auferstehungsleib aussehen wird:

35Aber – so wird einer fragen: Wie werden denn die Toten auferweckt? In was für einem Leib werden sie kommen? 36Du Tor! Was du säst, wird nicht zum Leben erweckt, wenn es nicht stirbt.
37Und was säst du? Nicht den zukünftigen Leib säst du, sondern ein nacktes Korn, ein Weizenkorn etwa oder ein anderes Korn. 38Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er es gewollt hat, jedem Samen seinen besonderen Leib. (1Kor 15,35-38)

Seine Botschaft ist also kurz gefasst: Ihr werdet es selbst erfahren. Wie? Ich weiss es nicht. Aber ich bin sicher, dass es so ist.

Leiblichkeit

Sehen und Glauben

Joh 20 29Jesus sagt zu ihm: Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben!

Im gestrigen Beitrag war von Thomas, dem Jünger, die Rede, der zunächst be-greifen will und dann den Auferstandenen als «Gott» bekennt. Insofern trägt er den Beinamen «der Ungläubige» zu Unrecht.

Jesu Antwort auf dieses Thomas-Bekenntnis weitet den Kreis der potenziell Glaubenden nun radikal aus: nicht nur die Jünger*innen, die den Auferstandenen mit eigenen Augen gesehen haben, sind zum Glauben fähig, sondern ebenso alle, die Jesus nie gesehen haben und einzig dem Auferstehungs-Zeugnis der Jünger*innen glauben. Der auferstandene Jesus – wie das Johannesevangelium ihn beschreibt – zeigt neben dem offensichtlichen Weg zum Glauben zu kommen noch einen weiteren Weg auf: vertrauend auf die Verkündigung der Augenzeugen kann ebenfalls Glauben wachsen! Man braucht also in der Antwort Jesu keine Kritik oder Zurückweisung zu lesen, sondern die Ausbreitung des Glaubens über Zeit und Raum hinweg.

Leiblichkeit

Thomas

Rembrandt: Der ungläubige Thomas

Joh 20 24Thomas aber, einer der Zwölf, der auch Didymus genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sagte zu ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben. 26Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen, und Thomas war mit ihnen. Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, und er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! 27Dann sagt er zu Thomas: Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 

„Ich glaube nur, was ich sehe“ ist eine weit verbreitete Lebenshaltung. Deshalb ist es wohl auch so schwer sich vorzustellen, wieviel Strom für Internet, digitale Clouds, Mobilephons und permanente Vernetzung benötigt wird; darum ist schwer vorstellbar, wie schädlich der CO₂-Ausstoss ist – und selbst Bilder von Elend, Pandemie, Krieg und Umweltverschmutzung genügen meist nicht, damit die Botschaft ankommt. Und selbst Liebe braucht die kleinen Zeichen der Verbundenheit um erfahrbar zu werden. Der Mensch ist ein haptisches Wesen, das be-greifen muss, um zu verstehen. Anfassen, berühren, befühlen, mit der Zunge schmecken lassen die Welt wirklich werden.

Thomas ist da nicht anders als wir modernen Menschen. Auch er ist gewohnt, seine Hände zu brauchen, um zu be-greifen. Doch als sich ihm die Gelegenheit bietet, verzichtet er auf die Berührung und verlässt sich auf den Augenschein: Der Text berichtet nicht, dass Thomas die Wundmale der Kreuzigung wirklich berührt hätte. Schreckt er davor zurück, durch die Berührung der offenen Wunde Jesus Schmerz zu bereiten? Die meisten Bilder der Kunstgeschichte sind da weniger skrupulös als der Bibeltext. Eine der Ausnahmen ist das Bild von Rembrandt. Das Bekenntnis des Thomas zum Auferstandenen Christus reicht weiter als je ein Bekenntnis vorher: „Mein Herr und mein Gott!“ Hier, im Johannesevangelium, wird Jesus Christus zum ersten Mal in der Bibel als Gott verstanden und bekannt.